Goja: Ein Waldrapp schreibt Geschichte

Nach 20 Jahren Projektarbeit mit den Waldrappen gibt es so einiges zu erzählen. Doch die Geschichte eines Vogels scheint besonders bemerkenswert: Wohl kaum ein Schicksal war so repräsentativ für die Erfolge und die Rückschläge im Projekt wie das der Walrappdame Goja.

Goja schlüpfte 2009 in menschlicher Obhut und war die letzte in einer Reihe von elf Küken, die in diesen Tagen in die Handaufzucht genommen wurde. Als einer der jüngsten Zöglinge in dem Jahr, war sie verhältnismäßig klein und schwach, wozu auch ihre anfängliche Appetitlosigkeit beitrug. Doch Goja wuchs heran und tat sich im Trainingscamp später sogar als mutige und ausdauernde Fliegerin hervor. Es war das erste Jahr, indem das Waldrappteam erfolgreich alle Zöglinge ins Überwinterungsgebiet führte, ein Meilenstein in der Geschichte des Projektes.

Lange Zeit war die Enttäuschung im Projekt groß, da keines der ausgewilderten Tiere Anstalten machte, im Frühjahr zurück ins Brutgebiet zu kehren. Doch eines Tages war es dann doch so weit: Ganz unverhofft und weit nach Beginn der Brutsaison kehrte 2011 der erste Vogel zurück nach Burghausen: Goja war der erste Waldrapp, der seit 400 Jahren von sich aus die Alpen überquerte. Ein weiterer Meilenstein war geschafft.

Wie sich herausstellte, bleiben Waldrappe meist bis zur Geschlechtsreife im warmen Süden und erst ihr Fortpflanzungstrieb führt sie zurück in die Brutgebiete. Goja war zum Zeitpunkt ihrer Rückkehr erst zwei Jahre alt und bereits eine Woche nach ihrer Ankunft machte sie sich schon wieder auf den Rückweg in die Toskana. Doch zur freudigen Überraschung des Teams hatte sie Jungvögel im Schlepptau. Diese waren im Sommer in der Kolonie in Burghausen geschlüpft und schlossen sich, durch ihren angeborenen Zuginstinkt motiviert, dem erfahrenen Zugvogel an. Damit war der erste wilde Jungvogel ohne menschliche Hilfe über die Alpen migriert und ein weiterer großer Schritt zur Wiederansiedlung war geschafft. Dabei verblüffte Goja ihre menschlichen Beobachter, indem sie nicht etwa die Zugroute um die Berge herum nahm, die sie während der menschengeführten Migration zwei Jahre zuvor gezeigt bekommen hatte: Vielmehr flog sie direkt über die Alpen in die Toskana und bewies, dass Zugvögel sehr wohl in der Lage sind, selbst zu navigieren, wenn sie Start und Ziel kennen.

Und auf Goja war Verlass. Im nächsten Frühjahr kehrte sie zurück und zog als erster ausgewilderter Zugvogel drei eigene Küken auf. Später in demselben Jahr folgten ihr weitere Waldrappe aus der Toskana nach. Darunter auch ein Überraschungsgast: Der Jungvogel Jazu, den sie im Jahr zuvor über die Alpen geführt hatte, tauchte im Spätsommer ebenfalls in Burghausen auf. Zwar war er noch viel zu jung um zu brüten, doch war er der erste wild aufgewachsene Vogel, der auf völlig natürliche Weise erfolgreich das Zugverhalten durch eine Artgenossin erlernt hatte.

Im Herbst desselben Jahres traf Goja das traurige Schicksal, das auch heute noch viele ihrer Artgenossen ereilt: Während der Herbstmigration ins Überwinterungsgebiet wurden sie und der Jungvogel Jedi, der sie begleitete, kurz vor ihrem Ziel in der Toskana abgeschossen. Die zuständige Birdmanagerin traf dank Gojas GPS Sender nur Minuten später am Abschussort ein. Auch wenn sie die Vögel nicht retten konnte, so ließ sich nicht zuletzt dank ihrer Hilfe der Täter eindeutig identifizieren. Und so schrieb Goja auch nach ihrem Tod Geschichte: Zum ersten Mal würde es dem Waldrappteam gelingen, einen wildernden Täter strafrechtlich zu belangen und ein Urteil zu bewirken. Und nicht nur das: Acht Jahre später führte ein anschließender Zivilprozess zu einer weiteren empfindlichen Strafe für den Täter. Es sollte der erste und bislang einzige Fall sein, indem eine solche rechtliche Ahndung eines illegalen Abschusses erfolgreich in die Wege geleitet wurde.

Der Name Goja wurde inspiriert durch Jane Goodall, die 2008 das Projekt besuchte. Die renommierte Verhaltensforscherin wurde später zur Patin von Goja.